<p class="ql-block">Ich hoffe, da? meine Tochter weiter gehen, ihren Horizont erweitern und die Welt kennenlernen kann. Sie studiert jetzt Englisch in einer Universit?t im Norden." Die letzte Etappe eines Interviews bleibt wie immer beim Fotoshooting als Routine. Hou, der Besitzer des Ferienhauses steht vor meinem Handy und kommentiert spontan. "Was, bis du schon so alt?" Mein Handy ist pl?tzlich schief gegangen. Ich muss nochmals fokussieren. "Fünfzig Jahre alt, kann nicht wahr sein." Simone stellt sich dicht an Hou, guckt sein gut gehaltenes Gesicht, "Ich habe dich drei?ig gesch?tzt." Der Wind weht, das Gras sinkt. Vor dem Eingang der Hofanlage machen die Fotografen enthusiastisch Fotos. Eine junge ausl?ndische Dame führt ein Pferd und steht ihnen Modell. Wir sind in die Hofanlage hinein gegangen, und ich habe meinen Horizont sofort erweitert. Drau?en vor der Hofanlage erstreckt sich eine natürliche Landschaft, doch in der Hofanlage selbst liegt eine ganz andere Welt voller überraschungen. In der Mitte liegt ein langer Holztisch. Darauf steht Teegeschirr. In Chengdu spielt der Tee echt eine wichtige Rolle. Auf den W?nden sind Kaligrafien und Gem?lde geh?ngt. Die chinesische Hofanlage ist eine Oase der Seele. In der traditionellen chinesischen Hofanlage verbirgt sich eine einzigartige Lebensfreude und ?sthetische Philosophie. Anders als die formellen, pr?ganten westlichen G?rten gestaltet sie sich in winzigen R?umen zu einer malerischen Szenerie, verbirgt Eleganz in Allt?glichkeit und bildet so eine stillvolle Welt für sich. Drau?en tobt das gesch?ftige Treiben der Welt, drinnen hingegen liegt eine ganz eigene, friedliche Sph?re. Ein Pfad aus grauen Schiefersteinen schl?ngelt sich durch die Hofanlage. Daneben steht ein schulterhoher Stein zum Betrachten-schmal, runzelig, durchl?chert und durchscheinend. Ohne künstliche Schnitzereien tr?gt er die Haltung von Bergen und T?lern in sich, als h?tte man tausend Meilen Landschaft in diesen einen Stein eingekleidet. Der lange Teetisch, dessen Maserung von der Zeit weiche W?rme angenommen hat, ist der ideale Ort für Hou, den Hausherrn, Freunde einzuladen, Tee zuzubereiten und über allt?gliche Dinge zu plaudern. Die Hofanlage, egal ob gro? oder klein, ob luxuri?s oder schlicht, ist ein Zufluchtsort für die chinesische Seele. Sie ist die Verschmelzung von allt?glichem Leben und Poesie, die Romantik und Gelassenheit, die in den einfachen Tagen verborgen liegen. Jetzt sind wir in der Hofanlage." Auf dem Land gibt es aber einfach keine L?sung," Hou hat Mückenspiralen angezündet, "das ist einfach Teil des ?kosystemischen Kreislaufs, und eine Welt ohne Mücken w?re nicht normal. Ihr müsst also noch viele Orte bereisen, um dieses Buch zu schreiben, oder?" Ich habe die Frage von Hou fortgesetzt. "Ja, richtig. Denn der Titel unseres Buchprojekts lautet 《Gute Menschen von Sichuan》. Wir wollen nicht nur in Chengdu herumkommen, sondern auch andere Regionen Sichuans erkunden. Wenn wir nur ein paar wenige Menschen interviewen, ist die Stichprobe nicht repr?sentativ genug und fehlt an überzeugungskraft. Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten haben ganz unterschiedliche Vorstellungen von Glück und von dem, was einen 'guten Menschen' ausmacht. Deshalb müssen wir so viele Interviewpartner wie m?glich finden. Dann k?nnen wir das Buch aus einem relativ objektiven Blickwinkel verfassen."</p> <p class="ql-block">"Ich verstehe, da? Glück eine sowohl umfassende als auch konkrete und individuelle Frage ist – jeder hat sicherlich eine andere Auffassung davon, und die Einsch?tzung ?ndert sich oft auch von Phase zu Phase im Leben eines Menschen. Der Lebensstil, den ich jetzt genie?e, entspricht manchmal dem, was ich als Kind mir gewünscht habe, und dieser Wunsch war in der Tat gepr?gt von den Elementen der traditionellen chinesischen Kultur. Schlie?lich bin ich Architekt von Beruf. Ob in China oder Deutschland, in beiden L?ndern gibt es eine eigene geschichtliche Wertsch?tzung der Architektur: Die Bauten, die man hinterl?sst, müssen der Prüfung der Zeit standhalten. Wenn wir über derartige Bauten sprechen, empfinden wir sie als ?u?erst angenehm und gemütlich. Das ist ein Glück, finde ich. Meint ihr nicht auch, da? Chengdu oder ganz Sichuan ein besonders glücklicher Ort für uns Chinesen ist? Auf jeden Fall empfinde ich es als einen Ort mit au?ergew?hnlichem Glücksgefühl – genauer gesagt, als eine sehr gemütliche Stadt. Schlie?lich habe ich schon viele Orte bereist, wie z. B. Peking, Shanghai und Guangzhou. In diesen St?dten ist das Tempo des Lebens viel zu schnell. Dagegen ist Sichuan anders. Zum Beispiel hier, in unserer Gegend – seid ihr heute schon nach Pengzhen gegangen? Dort trinken so viele Leute Tee, so entspannt und gemütlich. Das hei?t, sie stellen die Arbeit oder andere besonders wichtige Dinge nicht an die erste Stelle. Für mich pers?nlich gibt es einen kleinen Pavillon unten. Das ist mein konkretes Glück. Wenn es regnet, sitze ich darin, lese und schreibe – die Elemente der traditionellen chinesischen Kultur haben einen sehr gro?en Einfluss auf mich. Ja genau, es geht um das Gefühl der N?he zur Natur. Das hei?t, man kann zwar normalerweise sehr besch?ftigt sein, aber wenn man sich eine Auszeit nimmt, hat man einen ruhigen Platz, um dort zu schreiben und zu lesen. So einfach ist das. Was du mich gerade gefragt hast – was eigentlich die chinesische Tradition ist, auf welche spezifischen Aspekte das genau sich bezieht? Für mich pers?nlich liegt der Schwerpunkt jedoch mehr auf der spirituellen Ebene. Das hei?t, man kann seine Gefühle und Gedanken in jedem Blatt, jeder Pflanze und jedem Gegenstand verankern. Ob Bambus, ob Stein oder wie wir jetzt gerade Tee trinken – selbst das Arrangement der Teegeschirre geh?rt dazu. Das erinnert mich ein bisschen an den Roman 《Der Mond und Sechs Pence》, nicht wahr? Es geht um das Spannungsverh?ltnis zwischen Ideal und Realit?t. Auch wenn ich jetzt diesen Gel?ndemotorradbetrieb aufbaue und betreibe – das wird zwangsl?ufig zu vielen Konflikten mit meinen eigenen Idealen führen."</p> <p class="ql-block">Einen Schluck Tee habe ich getrunken und denke nach, was Hou gesagt hat. Ich habe die Interviewsreise mit Simone gemacht. Das führt auch zu Konflikten mit meinen eigenen Arbeiten. Ich muss auf die sechs Pence verzichten und auf den hellen Mond schauen. "Was die Tradition betrifft, hat Japan gut getan." Hou zeigt die Kalligrafie auf den W?nden, "das alles habe ich selber geschrieben. Ich war noch nicht einmal im Ausland. Ob ich ins Ausland reise, überlasse ich dem Zufall. Wenn ich jetzt sagen soll, ob ich unbedingt in ein bestimmtes Land reisen m?chte, dann finde ich Japan eine gute Wahl. Warum Japan? Weil Japan einige Elemente der chinesischen Kultur bewahrt hat – das ist nicht gleichbedeutend damit, dass ich Japan für besser halte. W?hrend die chinesische kulturelle Kontinuit?t in der Kulturrevolution viele Brüche erlitten hat, hat Japan die Kultur der Han- und Tang-Dynastie, vor allem die der Song-Dynastie, gut erhalten. Natürlich lehnt ein Gro?teil der chinesischen Gesellschaft Japan aus verschiedenen Gründen ab. Aber für mich pers?nlich sollte man den Ursprung der Dinge aufspüren. Genauso wie beim Nachahmen chinesischer Kalligraphie: Man muss sich an die Vorlagen aus der Sui- und Tang-Dynastie und früher orientieren, nicht wahr? Deshalb halte ich Japan auch für eine wirklich gute Wahl, wenn ich mich für eine Auslandsreise entscheiden soll. Deshalb wünsche ich meiner Tochter, da? sie weiter hinausgeht und einen breiteren Horizont erlangt. Sie ist neunzehn Jahre alt und studiert dieses Jahr im ersten Semester. Ich hoffe, da? sie einfach selbst sein kann – das ist es, was mir wirklich am Herzen liegt. Ich m?chte ihr keine Zw?nge auferlegen. Auch bei ihrer Wahl des Englisch-Studiums sagte ich zu ihr: Tue einfach, was dir gef?llt. Eigentlich interessiert sich meine Tochter für Bereiche wie Medizin, aber sp?ter fand sie den Studiengang Fremdsprachen auch ziemlich gut. Denn wir haben sie schon seit ihrer Kindheit mit Fremdsprachen in Kontakt gebracht, und dieser Studiengang zeichnet sich durch eine hohe Fachlichkeit aus. Aber ich denke, das sind nur meine pers?nlichen Vorstellungen. Unsere Denkweise ist wahrscheinlich doch eher engstirnig. Genauso wie bei den philosophischen Str?mungen: Es gibt ja nicht so viele chinesische Philosophiestrukturen, w?hrend es im Ausland eine Vielzahl von philosophischen Schulen gibt. Das hei?t also: Du solltest nicht wie ein Frosch im Brunnen bleiben, der nur den Himmel über sich kennt. Du musst hinausgehen und die Welt kennenlernen, dann wirst du auch wirklich etwas erlangen."</p> <p class="ql-block">Hou erz?hlt gern und viel, wie hoher Berg und flie?endes Wasser-die glückliche Begegnung mit einem wahren Kenner der Seele. In Hinsicht von Japan bin ich ihm v?llig einverstanden. Im letzten Jahr habe ich mich in Japan ein paar Tage verweilt. Einmal sehen ist besser als hundertmal h?ren. Japan hat viel von der traditionellen chinesischen Kultur genommen und weiter entwickelt, so da? ihre eigne Kultur gebildet ist. </p><p class="ql-block">Der Ryōan-ji zum Beispiel, ein Zen-Tempel in der Stadt Kyōto der Pr?fektur Kyōto in Japan, ist weltweit berühmt für seinen einzigartigen Karesansui-Steingarten (Trocken-Landschaftsgarten) und geh?rt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Er hat mir einen sehr tiefen Eindruck hinterlassen. Der Karesansui-Steingarten des Ryōan-ji hat tiefe Ursprünge in der traditionellen chinesischen Kultur. Seine Kernphilosophie stammt aus der Lao-Zhuang-Philosophie des Taoismus, insbesondere aus den Konzepten des ?Himmel und Mensch sind Eins“ und des ?Der Tao folgt der Natur“. Nach der Einwanderung dieser Denkweisen nach Japan fusionierten sie mit der einheimischen Zen-Kultur und entwickelten sich allm?hlich zu der minimalistischen Gartenkunst des Karesansui, bei der Steine für Berge und Sand für Wasser stehen. Gleichzeitig lieferte die Landschafts?sthtik der Zeit von den Drei Reichen, der Jin- und der Südlichen und N?rdlichen Dynastien sowie die Lust der Literaten, ihre Gefühle in die Landschaft einzufügen, wichtige kulturelle Referenzen für die Gestaltung der poetischen Atmosph?re des Karesansui. "In China gibt es kein integriertes philosophisches System, sondern nur fragmentierte Schulen. Figuren wie Laozi, Konfuzius oder Mozi haben jeweils eigene Richtungen begründet – Taoismus, Mohismus, Legalismus und so weiter. In Europa hingegen, zum Beispiel in Deutschland, bilden sich umfassende philosophische Systeme und Schulen heraus. Denken Sie nur an Hegel, Schopenhauer, Nietzsche oder Wittgenstein – jeder von ihnen repr?sentiert eine eigenst?ndige philosophische Str?mung. Wenn man dann noch das Alter mit einbezieht: Die Ansprüche in meinem Alter unterscheiden sich stark von den meiner Tochter. Ich hoffe, da? sie ihre Denkweise weiter erweitern und mehr Kontakte knüpfen kann. In unserem Alter jedoch braucht man eher eine friedliche, gelassene Lebenseinstellung. Meine eigene Auffassung ist vielleicht noch oberfl?chlich – für mich bedeutet es im Wesentlichen, Erleuchtung zu erlangen und die Wesensgrundlagen der Dinge zu verstehen. Dieser Prozess ist jedoch extrem schwierig und erfordert zahlreiche Erfahrungen und Prüfungen. Aus diesem Grund wünsche ich meiner Tochter, da? sie so viel wie m?glich erleben mag – egal ob Schwierigkeiten, Freuden oder glückliche Momente. All das muss sie selbst durchmachen, wir k?nnen sie dabei nicht ersetzen." Hou hat zwar Architektur studiert, hat aber viele philosophische Gedanken gemacht und in die Praxis durchgesetzt.</p> <p class="ql-block">"Das sind all die Wünsche an meine Tochter, wie steht es dann mit mir selbst? Was ich pers?nlich betrifft – nun, mein aktuelles Gefühl ?hnelt stark der Zeit, als ich angefangen habe, diesen Hof zu gestalten. Damals gab es Tag für Tag so viele verschiedene Probleme, sei es mit dem Hof selbst oder mit Angelegenheiten zu Hause. Meine jetzige Denkweise ist folgende: Ich lese sehr gerne Werke von Wang Yangming, denn ich finde, dasda? seine Philosophie sich direkt auf die Kultivierung des Herzens konzentriert. Sie kann Menschen tats?chlich helfen, Probleme zu l?sen und sie zu ihrem wahren Ziel führen. Viele seiner Denkans?tze weisen tats?chlich überraschende Gemeinsamkeiten mit den Philosophien von Hegel und Schopenhauer auf – das ist wirklich so." Simone hat lange Zeit aufmerksam zugeh?rt. Pl?tzlich mischt sie sich ein: " Es ist hoch interessant, Hou, als ein Chinese wei?t du sogar noch mehr deutsche Philosophie als die Deutschen. Aller Achtung! Gibt es noch etwas, das du besonders gerne tun m?chtest – Tr?ume oder Ideale, die du verwirklichen m?chtest?" In den letzten Jahren, vor allem in den vergangenen zwei bis drei Jahren, habe ich ein Gefühl der Gelassenheit bei sich selbst und der Anpassung an die jeweilige Situation entwickelt. Ich glaube, dies ist stark beeinflusst von den buddhistischen Gedanken sowie der Philosophie Wang Yangmings – diese haben einen sehr tiefen Eindruck auf mich hinterlassen. Wie kann ich dieses Gefühl beschreiben? Es ist, als ob alles schon vorher bestimmt ist. Früher habe ich mich um viele Dinge gekümmert: zum Beispiel, wenn ich berühmte und einflussreiche Pers?nlichkeiten traf oder wenn unangenehme Dinge passierten. Aber jetzt denke ich, da? all das ganz normal ist. Das hei?t, ich bin der Meinung, da? alles, was jeden Tag geschieht – egal ob euer Kommen oder die allt?glichen Ereignisse – Teil des Schicksals ist. Früher habe ich wegen unz?hliger Dinge schlecht geschlafen, aber mit dieser Einstellung habe ich jetzt endlich inneren Frieden gefunden.</p> <p class="ql-block">Der Sonnenuntergang bricht sich durch die Baumbl?tter und wirft fleckige Schatten auf den Boden. Das Interview neigt sich dem Ende zu. Hou hat noch nicht genug davon. Zum Schluss hat er uns gut gewünscht: "Meine Schwester studiert tibetischen Buddhismus in Hamburg von Deutschland. Einige ihrer Konzepte finde ich mit den Dingen, die ich selbst lerne, sehr miteinander verbunden. Daher glaube ich, da? Chinesen und Deutsche eigentlich in der Weltenharmonie vereint sind. Unsere Lebenswege und Arbeitten sind ziemlich unterschiedlich, deshalb haben wir alle unsere eigenen Sorgen und Glücklichkeiten. Aber all das sind nur ?u?ere Erscheinungsformen – wir sollten uns stattdessen um das Innere bemühen. Wang Yangming sagte: ?Am Tun üben", dessen Kern darin besteht, den eigenen Geist in konkreten praktischen Angelegenheiten zu schmieden und die eigene moralische Kultur zu verbessern. Das hei?t im Grunde: Alles entsteht durch den Geist; man muss lernen, loszulassen. Genau das lehrt der Buddhismus: Das Leben ist nur ein Prozess, man braucht nicht zu sehr daran festzuhalten. Ich beobachte, da? diese deutsche Schriftstellerin ein sehr gutes Herz hat. Sie ist au?erdem sehr einfühlsam und beobachtungsgabe. Anders als die oft als aufdringlich geltende Vorstellung von den Leuten ist sie sehr ruhig und besitzt eine Ausstrahlung der inneren Gelassenheit, wie man sie im Osten kennt. Es war für mich heute eine gro?e Freude, mit euch zusammen auszutauschen und zu teilen. Viele meiner Kommilitonen hier sind übergewichtig und wirken bereits sehr gealtert. Das h?ngt mit ihrer pers?nlichen Kultivierung und ihrem Horizont zusammen. Deshalb glaube ich fest, da? die Denkweise und die Kultur eines Landes wirklich von entscheidender Bedeutung sind. Früher habe ich auf der Baustelle gearbeitet, aber dort konnte ich mit niemandem über solche Dinge reden. über mehr als 30 Jahre auf der Baustelle habe ich nur eine einzige Person getroffen, mit der ich tiefgründige Gespr?che führen konnte – alle anderen redeten nur über Essen, Trinken und Vergnügungen. Vielen vielen Dank für heute. Ich wünsche euch viel Erfolg mit dem Buchprojekt."</p>